Kelten: Im Lande der Druiden

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Kelten: Im Lande der Druiden
Kelten: Im Lande der Druiden
 
Die Kelten h√§tten wohl √ľber die beiden Comic-Helden Asterix und Obelix gelacht, sich in ihnen aber kaum wieder erkannt. Denn alles, was wir √ľber die Kelten aufgrund schriftlicher und arch√§ologischer √úberlieferung wissen, widerspricht der Vorstellung, dass sie Barbaren inmitten der r√∂mischen Zivilisation gewesen sind. So hat auch die Gestalt des Zauberers Miraculix wenig mit dem gemeinsam, was √ľber die Druiden berichtet wird. Womit wir gleich mitten in dem besonders schwierigen Bereich keltischer Religionsaus√ľbung und dem Titel dieses Beitrages sind.
 
 Annäherung an eine längst vergangene Zeit
 
Es ist eine der besonderen Aufgaben der Arch√§ologen, Zugang zum religi√∂sen Empfinden antiker Naturv√∂lker zu gewinnen, wie auch die Kelten eines waren. √úber die Religion dieses alteurop√§ischen, indogermanischen Volkes gibt es wirklich konkrete Aussagen erst seit der sp√§tkeltischen Zeit, also dem 1. Jahrhundert v. Chr., w√§hrend die √§ltesten allgemeinen Nachrichten √ľber die Kelten aus dem 6./5. Jahrhundert v. Chr. stammen (von Hekataios von Milet, √ľberliefert nur durch Hinweise sp√§terer Autoren, und von Herodot). Die meist bruchst√ľckhaften und selten auf eigener Anschauung fu√üenden fr√ľhesten Schilderungen zum religi√∂sen Leben der Kelten stammen von griechischen Historikern und Gelehrten wie Polybios (um 200‚ÄĒ120 v. Chr.), Poseidonios (135‚ÄĒ51/50 v. Chr.), Diodor (1. H√§lfte des 1. Jahrhunderts v. Chr.) oder Strabon (64/63 v. Chr. bis 23 n. Chr.). Zweifellos genauere Angaben verm√∂gen aber R√∂mer wie Caesar (100‚ÄĒ44 v. Chr.), Lukan (39‚ÄĒ65 n. Chr.) und auch Ammianus Marcellinus (330‚ÄĒ395) zu geben, da sie aus eigener Anschauung berichteten oder √§ltere griechische Quellen auswerten konnten.
 
Als Gaius Iulius Caesar von 58 bis 51 v. Chr. Gallien unterwarf, erlebte er keltische Religion unmittelbar. Als Hauptgötter nennt er Teutates, Esus und Taranis, vergleichbar den eigenen Göttern Merkur, Mars und Jupiter. Als Mittler zwischen den Gottheiten und Menschen fungierten als erstes die Barden, die keltische Volkshelden besangen. Es gab auch Wahrsager, und es gab vor allem die unter einem Erzdruiden zusammengeschlossenen Druiden. Sie gehörten in die Spitze der mehr oder weniger männerorientierten Gesellschaftshierarchie der Kelten.
 
Ein keltischer Stamm wurde von einem H√§uptling oder gar K√∂nig angef√ľhrt, der dem Kriegeradel entstammte. Dieser Elite waren auch die Druiden zuzuz√§hlen. Zur breiten Mittelschicht rechneten Waffen tragende ¬Ľfreie¬ę Handwerker, Bauern und H√§ndler, denen abh√§ngige Unfreie wie Kleinbauern und Knechte unterstanden. Sie trugen die Hauptlast der landwirtschaftlichen Produktion und Versorgung. Das starre Gesellschaftssystem erlaubte √ľbrigens keinem seiner Mitglieder einen Aufstieg in die jeweils h√∂here soziale Klasse, wenn man den √úberlieferungen des 1. Jahrhunderts v. Chr. glauben kann.
 
Aber kehren wir nochmals zu den Druiden zur√ľck. Sie waren Meister der Erz√§hlkunst und der Poesie, zahlten keine ¬ĽSteuern¬ę und leisteten keinen Kriegsdienst. Hochgebildet, besch√§ftigten sie sich nicht nur mit der ausschlie√ülich m√ľndlichen √úberlieferung der heiligen Verse, sondern betrieben auch Mathematik, Sternenkunde und Zukunftsdeutung. Sie allein regelten die religi√∂sen Zeremonien und leiteten Opferhandlungen. Bis heute ist das Bild des Mistelzweige schneidenden Druiden lebendig, wie ihn Plinius der √Ąltere in seiner ¬ĽNaturgeschichte¬ę geschildert hat. In der religi√∂sen Vorstellung der Kelten lebte die mehrj√§hrige, immergr√ľne Mistel auf einem Baum wie der Geist im K√∂rper und vertrat einen Gott oder seine pflanzliche Verwandlung. Die Kelten waren davon √ľberzeugt, dass die Mistel Krankheiten heilen und Unfruchtbarkeit bei Mensch und Tier beheben konnte. Aufgrund ihrer parasitischen Lebensweise schien sie mit der realen Welt nichts gemein zu haben, sondern eher mit der Welt des √úbersinnlichen in Verbindung zu stehen. Der Druide schnitt mit goldener Sichel nur von Eichen Mistelzweige ab, lie√ü sie in einem wei√üen Tuch auffangen und opferte danach als Abschluss einer solchen kultischen Handlung zwei wei√üe Stiere.
 
Mittler zwischen Himmel und Erde: Der heilige Baum
 
Dieser Baumkult bezog sich also auf einen Teil des g√∂ttlichen Waltens, das die Kelten auch in Quellen, heiligen Hainen oder im Rauschen der B√§ume suchten. Der heilige Baum war f√ľr die Kelten ein Mittler zwischen Himmel und Erde, er vermochte sie mit ihren G√∂ttern zu verbinden. ¬ĽKultb√§ume¬ę sind uns etwa in Gestalt einer Goldblecharbeit aus dem sp√§tkeltischen Oppidum ‚ÄĒ einer befestigten Gro√üsiedlung ‚ÄĒ von Manching bei Ingolstadt bekannt oder finden sich auf einem Silberkessel von Gundestrup (D√§nemark). Hier opfert ein Druide einen Menschen kopf√ľber in einem bereitstehenden Kessel, w√§hrend Krieger einen ¬ĽKultbaum¬ę mit der Wurzel voran herbeitragen. Diese Szene auf dem Silberkessel ist im Gegensatz zu anderen eindeutig verstehbar.
 
Menschenopfer und Kopfkult spielten eine wesentliche Rolle in der religi√∂sen, darin durchaus zeitgem√§√ü verhafteten Vorstellungswelt der Kelten, wie Funde und Darstellungen vielfach belegen. Danach √ľbertrug der erbeutete menschliche Kopf seine kostbare Kraft und seine individuellen F√§higkeiten auf den Sieger: Die Kelten glaubten, dass der Kopf Sitz des √úbersinnlichen sei, denn sie sahen das Denken als g√∂ttliche Eingebung an. F√ľr den Besitzer bot der erbeutete Kopf √ľberdies Schutz und galt als Unheil abwehrend.
 
Zeugnisse kultischer Rituale und Praktiken sind zudem bis heute die in Gestalt von ¬ĽViereckschanzen¬ę erhaltenen Gel√§ndedenkm√§ler aus dem linksrheinischen Gallien und aus S√ľddeutschland mit ihren bis 32 m tiefen Opfersch√§chten, ebenso Brandopferpl√§tze, Felssch√§chte, Quellen und Gew√§sser. Unter diesen Gew√§sserpl√§tzen hat der Fundort La T√®ne am Ausfluss des Neuenburger Sees (Schweiz), der der ganzen keltischen Zeit ihren Namen verliehen hat, bei Grabungen allein 2500 Fundst√ľcke zutage gef√∂rdert! Es handelt sich um 166 Schwerter, 269 Lanzenspitzen, 27 Holzschilde und fast 400 Gewandspangen (Fibeln). Au√üerdem wurden hier auch M√ľnzen, Ernteger√§te, Wagenteile und Holzgef√§√üe ‚ÄĒ wohl als Beutegut ‚ÄĒ zusammen mit geopferten Menschen einer Wassergottheit dargebracht.
 
Wir haben uns damit einer längst vergangenen Zeit angenähert, deren Menschen ihr diesseitiges Leben sicher wesentlich vom Kultisch-Magischen, vom Religiösen bestimmt und durchdrungen angesehen haben.
 
¬†Der F√ľrst von Hochdorf und die Dame von Vix ‚ÄĒ Zeugen der Hallstattzeit
 
Was berichten uns die schriftlichen Zeugnisse, was sagen uns die arch√§ologischen Quellen dar√ľber hinaus √ľber die Kelten?
 
Die Griechen nannten dieses gro√üe Volk keltoi oder galatai, Kelten oder Galater, die R√∂mer galli, also Gallier, oder celtae. Die Namen bedeuten in √ľbertragenem Sinn so viel wie ¬Ľdie Tapferen¬ę, ¬Ľdie Erhabenen¬ę. Wie sich die Kelten selber nannten und ob sie √ľberhaupt einen Gesamtnamen f√ľr sich hatten, wissen wir nicht. Heute bezeichnet man als Galater nur noch die Kelten Kleinasiens, als Gallier die Kelten in ¬ĽGallien¬ę, dem Siedlungsgebiet der keltischen St√§mme in Oberitalien, Frankreich und Belgien.
 
Als die griechischen Phok√§er um 600 v. Chr. an der Stelle der heutigen s√ľdfranz√∂sischen Stadt Marseille die Siedlung Massalia gr√ľndeten, um von diesem St√ľtzpunkt aus die westliche Mittelmeerk√ľste zu kolonisieren, trafen sie im Hinterland auf einen geschlossenen, in dynamischer Entwicklung befindlichen Kulturraum. Von Burgund bis √Ėsterreich herrschte die Hallstattkultur. Sie ist nach einem im ober√∂sterreichischen Salzkammergut gelegenen Fundort benannt. Adlige oder f√ľrstliche Pers√∂nlichkeiten sind die Tr√§ger dieser Kultur. Sie lie√üen sich aufwendig in gro√üen Erdgrabh√ľgeln beisetzen und lebten in befestigten H√∂hensiedlungen. Diese Hallstattkultur, vor allem ihre Sp√§tphase im 6. Jahrhundert v. Chr., wird nach allgemeiner Auffassung heute als fr√ľhkeltisch angesehen, da sie schon viele kulturelle Merkmale der folgenden keltischen La-T√®ne-Zeit aufwies oder vorwegnahm. Da sie bruchlos aus der sp√§tbronzezeitlichen Urnenfelderkultur erwuchs, k√∂nnten fr√ľheste keltische Wurzeln gar bis in die Zeit um 1000 v. Chr. zur√ľckreichen.
 
Um 500 v. Chr. berichtete erstmals der ionische Geograph Hekataios von Milet von diesen fr√ľhen Kelten als den ¬ĽNachbarn von Massalia¬ę. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot pr√§zisierte die Ortsangabe 50 Jahre sp√§ter und nannte vor allem den Oberlauf der Donau als keltisches Siedlungsgebiet. Damit war der keltische Kernraum bezeichnet, der dann im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. durch Wanderungs- und Eroberungsz√ľge erheblich nach Nordosten, Westen, S√ľden und S√ľdosten ausgedehnt wurde.
 
Die als Territorialherren herrschenden fr√ľhkeltischen Repr√§sentanten der Hallstattkultur bildeten jedenfalls im 6. Jahrhundert v. Chr. Machtzentren aus, die sich vor allem im s√ľddeutsch-nordschweizerisch-ostfranz√∂sischen Raum nachweisen lassen. An Siedlungspl√§tzen wie der Heuneburg in Baden-W√ľrttemberg oder dem Mont Lassois in Burgund zeigen Funde von Importware, dass es schon in dieser Zeit Handelsbeziehungen zum Mittelmeerraum gab. Das Handelsgut gelangte √ľber die Alpen und entlang der Rh√īne und Sa√īne zu den keltischen Zentren. Hierzu z√§hlten exotische Erzeugnisse wie importierte griechische Tongef√§√üe. Zugleich kamen mittelmeerische Lebensart und mittelmeerisches Ideengut sowie auch technische Neuerungen nach Norden. Unter diesen ist die schnell rotierende T√∂pferscheibe besonders erw√§hnenswert.
 
Auf der hoch √ľber dem Nordufer der Donau bei Hundersingen ‚ÄĒ der Ort geh√∂rt heute zur Gemeinde Hebertingen im Kreis Sigmaringen ‚ÄĒ gelegenen Heuneburg existierte f√ľr kurze Zeit sogar eine 600 m lange Lehmziegelmauer, die nach griechischem Vorbild erbaut war. Ihr war aus klimatischen Gr√ľnden nordw√§rts der Alpen keine lange Lebensdauer beschieden. Von der Innenbebauung der Burg kennt man Siedlungsreste gleich ausgerichteter H√§user im S√ľdosten der Anlage. Im Umkreis von 5 km k√∂nnen der Burg elf Gro√ügrabh√ľgel zugeordnet werden. In einem H√ľgel, dem Hohmichele, befand sich das reich ausgestattete Doppelgrab eines Mannes und einer Frau, wohl Angeh√∂rigen der sp√§thallstattischen Gr√ľnderdynastie. Zu den Beigaben geh√∂rten ein vierr√§driger Wagen und bronzenes Trinkgeschirr.
 
Ein sensationeller Fund
 
Dieses Grab wird von der im Jahr 1977 entdeckten unversehrten Bestattung von Hochdorf (Gemeinde Eberdingen) nordwestlich von Stuttgart noch weit √ľbertroffen. Die sp√§thallstattzeitliche Bestattung geh√∂rt in die Zeit zwischen 530 und 520 v. Chr. Einen auffallend gro√üen Mann hatte man hier auf einem fahrbaren bronzenen Ruhebett, einer Kline, aufgebahrt. Er war mit goldenem Hals- und Armband, mit goldenen Fibeln und mit goldverziertem G√ľrtel, Dolch und Schuhwerk ausgestattet. Man hatte ihm √ľberdies K√∂cher und Pfeile, Angelhaken und einen Birkenrindenhut als pers√∂nliche Besitzt√ľmer mitgegeben. Ein kunstvoll mit Eisen verkleideter Wagen, auf dem Bronzeteller und Bronzebecken lagen, stand neben der Kline. An der h√∂lzernen Grabwand, am Kopf des Toten, hingen neun Trinkh√∂rner, davon ein goldverziertes aus Eisen von 123 cm L√§nge und 5,5l Fassungsverm√∂gen! Das Trinkservice wird durch einen sicherlich aus Griechenland stammenden Bronzekessel erg√§nzt, der sich mitsamt einer Goldschale zu F√ľ√üen des Toten befand und 500 l fasste. Er enthielt Reste von Honigmet, dem etwa 150 kg Bl√ľtenhonig zugesetzt worden waren.
 
Die Ausstattung des Hochdorfer Grabes zeigt alle Aspekte auf, die sich mit der adligen Welt der hallstattzeitlichen Kelten verbinden lassen. Als Prestigegut galten zweifellos der meist vierr√§drige Wagen, aufwendiges Trinkgeschirr und das Tragen von Goldgegenst√§nden. Die Kontakte zum mittelmeerischen S√ľden erlaubten es auch, ab 500 v. Chr. Wein zu importieren.
 
Ein exzellentes Beispiel daf√ľr stellt das um 500 v. Chr. errichtete Grab f√ľr eine etwa 35-j√§hrige Frau dar, das 1953 im Bereich der burgundischen Gemeinde Vix entdeckt wurde. Die Fundstelle liegt am Fu√ü der H√∂henburg Mont Lassois, 6 km nordwestlich von Ch√Ętillon-sur-Seine im D√©partement C√īte-d'Or, Frankreich. Mit dem gleichen Beigabenensemble wie in Hochdorf ausgestattet, sind neben einem eleganten vierr√§drigen Wagen vor allem ein gro√ües Gef√§√ü ‚ÄĒ ein Krater ‚ÄĒ aus Bronze, griechische Trinkgef√§√üe, eine Schnabelkanne sowie ein Goldhalsring zu nennen.
 
Der riesige, wohl aus einer großgriechischen Werkstatt stammende Bronzekrater von 1,64 m Höhe und 208 kg Gewicht ist mit 1100 l Fassungsvermögen das größte erhaltene antike Metallgefäß! Der aus 21 Teilen zusammengesetzte, 480 g schwere Goldhalsring ist ein technisches, unter mittelmeerischem Einfluss entstandenes Meisterwerk der Goldschmiedekunst.
 
¬†Eine neue Adelsschicht ‚ÄĒ Die La-T√®ne-Zeit
 
Just zu der Zeit, als die Dame von Vix beerdigt wurde, setzte ein Niedergang der fr√ľhkeltischen, hallstattzeitlichen Macht ein. Ob innere Krisen, ge√§nderte Handelswege oder auch die Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Etruskern um die nach Norden f√ľhrenden Handelsrouten mit dazu beigetragen haben, ist ungewiss.
 
Erkennbar ist nur, dass sich danach nordw√§rts zwischen Ostfrankreich und B√∂hmen eine neue, nun lat√®nezeitlich benannte Adelsschicht manifestiert, deren Repr√§sentanten nicht nur M√§nner, sondern auch Frauen sein konnten. Vielleicht handelte es sich um Personengruppen, die der s√ľdlichen Hallstatt-Adelsschicht entstammten und die eine neue wirtschaftliche Grundlage vor allem in der gezielten Ausbeutung von Eisenerzlagerst√§tten sahen.
 
Denn in einigen F√§llen liegen ‚ÄĒ heute noch erkennbar ‚ÄĒ zeitgleiche befestigte H√∂hensiedlungen, Adelsgr√§ber und Eisenerzlagerst√§tten recht nah beieinander, sodass eine Verbindung zueinander bestanden haben kann. Soweit also diese Hinterlassenschaften zu ein und derselben Siedelgemeinschaft geh√∂rten, k√∂nnten sie das jeweilige Herrschaftsgebiet eines keltischen Adligen umrei√üen.
 
Die Art der Grabausstattung blieb auch nach 500 v. Chr. bestehen. Sie erfuhr nur eine Wandlung in Form der Ausstattungsg√ľter. Die adligen Toten wurden im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. in meist gro√üen, auch exponiert gelegenen Erdh√ľgeln beigesetzt und mit dem moderneren zweir√§drigen Streitwagen, mit Bronzegeschirr und kostbaren Schmuck- und Trachtbestandteilen f√ľr das Jenseits versehen. Neben Mischkesseln, den Stamnoi, gelangten bronzene Schnabelkannen aus Etrurien nach Norden, die ebenso wie Trinkh√∂rner zum Trinkgeschirrsatz geh√∂ren konnten.
 
Die Form der Schnabelkanne regte keltische Kunsthandwerker zur Nachahmung an, sodass prachtvolle eigene Behältnisse entstanden. Sie gerade sind neben vielem anderen als hervorragende Zeugnisse keltischen Stil- und Kunstempfindens anzusehen, da bei ihnen ornamentale, tierische und pflanzliche Vorbilder in eine ganz eigene, unverwechselbare Form umgesetzt wurden.
 
An keramischen wie metallischen Produkten wurde ein Kunststil variiert, der eine Vorliebe f√ľr das Doppeldeutige, unterschiedlich Lesbare besa√ü und in gekonnter Manier mit Linien, Fl√§chen und Mustern spielte. F√ľr uns ist das heute nur teilweise, ganz schwer oder gar nicht zu entschl√ľsseln. Denn keltische Kunst spiegelt in vielen Bereichen das kaum durchschaubare magisch-kultische Denken der damaligen Zeit. Von ihr sollte schon zur Zeit der Verwendung √úbersinnliches ausgehen, sodass mehrere Verst√§ndnisbarrieren bestehen k√∂nnen.
 
Die Vielfalt der Produkte reichte von Gebrauchsgegenständen wie Fibeln und Ringen bis hin zu porträtartigen Kopfdarstellungen, von Gefäßen bis zu Waffenbestandteilen.
 
Beispielhaft sei aus der F√ľlle an erhaltenen Gegenst√§nden zun√§chst die bronzene Fibel von Parsberg (Oberpfalz) des 5. Jahrhunderts v. Chr. genannt, die am Fu√ü eine menschliche Maske mit Glotzaugen aufweist, w√§hrend auf der gegen√ľberliegenden B√ľgelseite eine eher tierische Fratze von spiralf√∂rmigen Tierfiguren begrenzt wird. Eine √§hnliche Verzierung tragen vier aus einem Schatzfund stammende Halsringe von Erstfeld (Schweiz), die den hohen handwerklichen Stand keltischer K√ľnstler belegen (Ende 5./Anfang 4. Jahrhundert v. Chr.).
 
Aus einem F√ľrstengrab von Schwarzenbach (Kreis Sankt Wendel, Saarland) kommt der meisterhaft gefertigte Goldblechbeschlag einer Schale oder, eher wahrscheinlich, eines Trinkhorns oder eines Siebtrichters der 2. H√§lfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., der friesartig aneinander gereihte Ornamente zeigt.
 
Wie diese Muster im 4. Jahrhundert v. Chr. weiterentwickelt und umgestaltet wurden, illustriert der im Jahr 1981 entdeckte Prunkhelm von Agris (Département Charente, Frankreich): Auf Bronze und Eisen wurden verzierte Goldblechfolien aufmontiert und durch Korallenmuster ergänzt. Besonders schön ist die durchbrochen gehaltene, mit Golddrähten versehene Wangenklappe gefertigt.
 
Die menschlichen Gesichter wirken auf diesen Werken eher starr und maskenhaft, wie es auch ein aus B√∂hmen stammender Steinkopf mit Glotzaugen und spiraligen Augenbrauen- und Schnurrbartenden vermittelt, der ‚ÄĒ mit einem Halsring ausgestattet ‚ÄĒ eine Gottheit, einen Helden oder F√ľrsten darstellen d√ľrfte (2.‚ÄĒ1. Jahrhundert v. Chr.). Obwohl nur 25 cm hoch, l√§sst er die suggestive Wirkung des keltischen Kopfkults erahnen.
 
Die Auftraggeber, Tr√§ger und Besitzer derartig hervorragender Erzeugnisse sind in den Reihen der adligen H√§uptlinge oder f√ľrstlichen Adligen zu suchen, die sich mit ihrem Prestigegut und ihren pers√∂nlichen Schmuck- und Trachtteilen im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. f√ľr das Jenseits ausstatten und beisetzen lie√üen.
 
Als Beispiel aus der Zeit um 400 v. Chr. sei ein f√ľrstlicher Mann aus Weiskirchen (Saarland) genannt, der mit kostbarem G√ľrtel- und Taschenschmuck, Fibeln und einem Prunkdolch als Zierwaffe beigesetzt worden war. Er trug die f√ľr die Kelten charakteristische karierte Hose, die den Griechen und R√∂mern absolut fremd war. Dieses Kleidungsst√ľck haben die Kelten wahrscheinlich von den Skythen oder Persern √ľbernommen. Aufgrund antiker Nachrichten und bildlicher Darstellungen wissen wir √ľbrigens, dass keltische M√§nner nackt, nur geg√ľrtet oder mit der Hose bekleidet in den Kampf zogen. √úberdies berichtet Strabon in seiner ¬ĽGeographie¬ę, dass die Kelten goldene Hals- und Armringe, die Vornehmen bunt gef√§rbte und goldgestickte Kleider trugen. Infolge dieser Eitelkeit seien sie unertr√§glich als Sieger, aber verbl√ľfft als Besiegte gewesen.
 
Die Prunkliebe der Kelten mag auch die Ausstattung einer Dame von Waldalgesheim (Kreis Mainz-Bingen) verdeutlichen, die einige Jahre vor 400 v. Chr. beerdigt worden war und neben kostbarem Goldschmuck an Hals und Armen sowie bronzenen Beinringen zahlreiche Unheil abwehrende Amulette bei sich hatte. Diese sollten sie vor Krankheit oder fr√ľhem Tod sch√ľtzen.
 
¬†Wehe den Besiegten ‚ÄĒ Die keltische Expansion
 
Der in die Region nordw√§rts der Alpen gerichtete, insbesondere von den Etruskern getragene Handels- und Kulturaustausch d√ľrfte einer der Ausl√∂ser daf√ľr gewesen sein, dass keltische Gruppen noch im 5. Jahrhundert v. Chr. beutehungrig und vielleicht sogar wissbegierig in das oberitalische Gebiet eindrangen. Damit begannen die uns auch schriftlich √ľberlieferten Konflikte mit den R√∂mern.
 
Um 400 v. Chr. waren mit den Insubrern und ihrer ¬ĽHauptstadt¬ę Mediolanum (Mailand), den Cenomanen um Verona und in der Poebene, den Boiern um Parma und Bologna und den Lingonen sowie den Senonen weite Teile n√∂rdlich des Apennins in der Hand der Kelten. Die Niederlage Roms am Zusammenfluss von Allia und Tiber 387 v. Chr. √∂ffnete ihnen schlie√ülich den Weg nach Rom. Nur wegen der legend√§ren schnatternden G√§nse soll das Kapitol unbesiegt geblieben sein.
 
Diese Begebenheit betrifft eine der bekanntesten Auseinandersetzungen der R√∂mer mit den Kelten. Denn hier erlebte ein politisches Gemeinwesen, das bald zu einer Weltmacht aufsteigen sollte, die gr√∂√üte Schmach seiner langen Geschichte. Der Geschichtsschreiber Livius (59 v. Chr. bis 17 n. Chr.), der ja kein Zeuge dieser ereignisreichen Tage in Rom war, beschreibt dies eindrucksvoll in seinem 5. Buch (R√∂mische Geschichte 5,47,1‚ÄĒ11): Wie die R√∂mer nach zerm√ľrbenden siebenmonatigen Belagerungen, Brandschatzungen und der teilweisen Zerst√∂rung der Stadt durch die Kelten, die ¬Ľdie ganze Umgebung mit wildem Gesang und vielf√§ltigem schrecklichen Geschrei erf√ľllten¬ę, nur durch die schnatternden und fl√ľgelschlagenden G√§nse einem n√§chtlichen √úberfall auf den kapitolinischen H√ľgel entgingen, weil der Konsul Marcus Manlius durch den L√§rm aufgeweckt wurde und Alarm schlug. Die R√∂mer mussten 1000 Pfund L√∂segeld in Gold bezahlen, und in ihren Ohren muss es wie Hohn geklungen haben, als der siegreiche Senonenf√ľrst Brennus wegen angeblich zu leichter Gewichte sein Schwert mit den Worten ¬ĽVae victis¬ę (¬ĽWehe den Besiegten¬ę) zus√§tzlich in die Waagschale warf!
 
Ein Jahr sp√§ter verb√ľndeten sich die Kelten, die Rom belagerten, mit dem Tyrannen Dionysios von Syrakus, der die Macht der Etrusker verringern wollte, und 368 v. Chr. gelangten sie als kriegerische S√∂ldner erstmals nach Griechenland.
 
In Italien wurde der 332 v. Chr. zwischen Senonen und R√∂mern geschlossene Friedensvertrag durch den zunehmenden r√∂mischen Expansionismus gef√§hrdet. Der Vertrag half zwar, Handelskontakte zwischen den Kelten und den Etruskern zu verbessern, erleichterte es aber gleichzeitig den R√∂mern, das Gebiet zwischen Tiber und Poebene entlang der adriatischen K√ľste zur√ľckzugewinnen. Die R√∂mer zerschlugen 295 v. Chr. ein B√ľndnis der Senonen, Etrusker, Umbrer und Samniten, und zw√∂lf Jahre sp√§ter wurde das senonische Territorium r√∂misches Staatsland. 225 unterlagen die Boier, Insubrer und Geseten bei Telamon (heute Talamone), und 191 ging Mediolanum als Hauptsitz der Insubrer verloren.
 
Ein plastisches Bild der K√§mpfe mit den R√∂mern vermittelt ein Steinfries aus Civitalba in den italienischen Marken aus dem fr√ľhen 2. Jahrhundert v. Chr., der fliehende Kelten zeigt, die ein r√∂misches Heiligtum gepl√ľndert haben.
 
Die Niederlage der Galater
 
Neben dem italischen Schauplatz wurde aber auch der Balkan mit keltischen Wanderungen oder Expansionsbewegungen konfrontiert. So traf eine Delegation 335 v. Chr. am Zusammenfluss von Donau und Morava mit Alexander dem Gro√üen zusammen, der zu dieser Zeit einen Feldzug in das Balkan- und untere Donaugebiet unternahm. Alexander fragte seine G√§ste, was sie am meisten auf der Welt f√ľrchteten und zeigte sich ‚ÄĒ wie sein Zeitgenosse Ptolemaios I. Soter in seiner ¬ĽAlexandergeschichte¬ę berichtet ‚ÄĒ erstaunt dar√ľber, dass ihm die Kelten erkl√§rten, sie f√ľrchteten allenfalls, dass der Himmel auf sie herunterfiele.
 
Der zunehmende Druck, den die R√∂mer auf die Kelten in Italien aus√ľbten, mag dazu beigetragen haben, dass keltische S√∂ldner unter anderem neue ¬ĽBet√§tigungsfelder¬ę im Osten suchten. Um 280 v. Chr. traten drei Gruppen unter ihren F√ľhrern Kerethrios, Bolgios, Brennus und Akichorios an, um in Griechenland einzufallen, was 279 v. Chr. mit einer vernichtenden Niederlage des thrakisch-makedonischen K√∂nigs Ptolemaios Keraunos begann. Brennus' Versuch indes, das Heiligtum von Delphi zu pl√ľndern, misslang. Teile der nach Norden abziehenden Kelten gr√ľndeten um 277 v. Chr. im heutigen Bulgarien sogar ein kurzlebiges Reich, das K√∂nigreich von Tylis, einem Ort in S√ľdthrakien, das aber nur bis 221 v. Chr. bestand.
 
Sp√§ter, im Jahr 278 v. Chr., gelangten keltische Tektosagen nach Kleinasien, um als S√∂ldner K√∂nig Nikomedes I. von Bithynien zu dienen. Nach Ausbleiben des Solds zogen sie brandschatzend durch das mittlere Kleinasien und die K√ľstenregionen und zerst√∂rten das Apolloheiligtum von Didyma.
 
Das weitere Schicksal dieser kleinasiatischen Kelten oder Galater ist von Niederlagen gekennzeichnet, so um 230 v. Chr. an den Kaikosquellen bei Pergamon gegen den pergamenischen König Attalos I. und 190 v. Chr. an der Seite des Seleukiden Antiochos III., der bei Magnesia am Sipylos gegen die Römer antrat. Besiegt wurden sie auch von dem durch die kleinasiatischen Städte herbeigerufenen römischen Konsul Gnaeus Manlius Vulso. Die eigenständige Existenz Galatiens, des keltischen Siedlungsgebiets im Innern von Kleinasien, endete 25 v. Chr. mit der Ernennung zur römischen Provinz.
 
Besonders eindrucksvolle Zeugnisse dieser Zeit stellen Plastiken dar, die Attalos I. nach seinem Sieg √ľber die Galater im Tempel von Pergamon errichten lie√ü. Voran der ber√ľhmte ¬ĽSterbende Gallier¬ę, der nach 228 v. Chr. geschaffen wurde und bisher als r√∂mische Marmorkopie der originalen Bronzestatue galt; heute wird er, vor allem wegen der Herkunft des Marmors aus Kleinasien und der Feinheit der Ausf√ľhrung, von manchen Arch√§ologen f√ľr das Original selbst gehalten. Ebenso eindrucksvoll ist die weniger bekannte Gruppe des aufrechten keltischen Kriegers, der, nachdem er zuerst seine Frau get√∂tet hat, sich selbst mit dem Schwert den Tod gibt. Erhalten ist hier ebenfalls nur eine Marmorkopie.
 
¬†Wachsende Bedr√§ngnis ‚ÄĒ Gallien und Britannien fallen an Rom
 
F√ľr die Kelten waren die letzten vorchristlichen Jahrhunderte aber nicht nur in den Randbereichen ihres Siedlungsterritoriums von zunehmenden Niederlagen gekennzeichnet. Die Expansionsbestrebungen Roms, welches das Hilfeersuchen bedr√§ngter Verb√ľndeter immer wieder geschickt und selbstbewusst ausnutzte, zielten ab der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. zunehmend auf das keltische Kernland ab. Die Geschehnisse, die im Zuge der gallischen Kriege Caesars 58 bis 51 in der Gefangennahme des Arvernerprinzen Vercingetorix gipfelten, sind als Kette keltischer Niederlagen und Dem√ľtigungen anzusehen.
 
Nach der Einnahme Numantias, der Hauptstadt der keltischen Arevaker am Oberlauf des Duero in Spanien, brachen die R√∂mer 133 v. Chr. den langj√§hrigen Widerstand der ¬ĽKeltiberer¬ę, der keltischen St√§mme auf der Iberischen Halbinsel, endg√ľltig und richteten um 120 in S√ľdfrankreich die Provinz Gallia Narbonensis ein. Damit sicherten sie sich die Landverbindung nach Spanien.
 
Weitere Turbulenzen erwuchsen den Kelten durch die in Osteuropa ausgel√∂sten Wanderungsbewegungen der Germanen, die mit dem Zug der Kimbern und Teutonen begannen. Diese durchzogen 113 bis 101 v. Chr. S√ľddeutschland, Ostfrankreich, Oberitalien und den Alpenraum, bis sie in der Narbonensis bezwungen wurden. Nach weiteren germanischen Vorst√∂√üen ab etwa 75 v. Chr. kam es 62/61 v. Chr. zur Konfrontation mit den keltischen √Ąduern (H√§duern) im Elsass, die Caesar zu Hilfe riefen. Er vertrieb daraufhin 58 v. Chr. die eingedrungenen Sweben unter ihrem F√ľhrer Ariovist.
 
Angesichts dieser prek√§ren Situation versuchten die Helvetier, nach S√ľdwestfrankreich auszuwandern, indem sie ihre Siedlungen zerst√∂rt zur√ľcklie√üen. Nach vernichtender Niederlage wurden sie aber von Caesar in ihr Stammesgebiet zur√ľckgezwungen.
 
In diesem Jahr 58 griff er zunehmend in die au√üen- und innenpolitischen Geschehnisse Galliens ein. In einer gemeinsamen Anstrengung versuchten die west- und zentralgallischen St√§mme unter Vercingetorix, generellen Widerstand gegen die r√∂mischen Okkupationsversuche zu leisten. Die Vernichtung von Avaricum (Bourges), dem Hauptort der Bituriger, setzte ein erstes Fanal, das in der Belagerung der Avernerfestung Gergovia (wohl bei Clermont-Ferrand) und der Eroberung Alesias (am Mont Auxois im D√©partement C√īte d'Or) endete. Vercingetorix geriet 52 v. Chr. in Gefangenschaft und wurde 46 v. Chr. im Todestrakt des r√∂mischen Staatsgef√§ngnisses am Fu√ü des Kapitols hingerichtet.
 
Damit war das Schicksal Galliens besiegelt: der Krieg bedeutete f√ľr wohl drei Millionen Kelten den Tod oder die Versklavung.
 
Nicht anders verlief Jahrzehnte sp√§ter die r√∂mische Eroberung des keltischen Britannien. Nach dem Aufstand der icenischen K√∂nigin Boudicca 61 n. Chr. brach der insulare Widerstand endg√ľltig zusammen, und nur Wales, Nordschottland und Irland wurden nicht erobert und blieben keltisch.
 
Der K√∂nig der britischen Icener und Gatte der Boudicca, Prasutagus, hatte in seinem Testament neben seinen T√∂chtern den r√∂mischen Kaiser eingesetzt, um Familie und Land vor Gewalttaten zu sch√ľtzen. Da die R√∂mer die Icener jedoch als recht- und schutzlose Bewohner eines eroberten Landes behandelten, formierte sich Widerstand unter Boudicca. Eine Abwesenheit des Statthalters Suetonius Paulinus nutzte sie dazu ‚ÄĒ zusammen mit den Trinobanten ‚ÄĒ St√§dte wie Londinium (London) und Camulodunum (Colchester) zu erobern. Der rasch herbeigeeilte Suetonius schlug den Aufstand unter hohen Verlusten der britischen Kelten nieder, und Boudicca endete durch Selbstmord oder Krankheit 61 n. Chr.
 
Fortleben keltischer Sprache und Kunst
 
In Wales, Nordschottland und Irland hat sich die keltische Sprache bis heute erhalten, blieb keltischer Kunststil bis ins Mittelalter lebendig. Im 1. Jahrhundert v. Chr. hatte sich auf den Britischen Inseln ein eigenes keltisches Kunstempfinden ausgebildet, das unter Einsatz des Zirkels die Gestaltung komplizierter Muster ermöglichte.
 
Als Beispiel sei der Bronzespiegel von Desborough genannt, der wie andere Spiegel um die Zeitenwende in S√ľdengland hergestellt worden ist. √úber dem durchbrochen gearbeiteten Handgriff zeigt er auf der R√ľckseite ein pflanzenartiges, spiegelbildlich gestaltetes Muster. Dieselbe Symmetrie weist ein mit Emaileinlagen versehener Paradeschild aus der Themse bei Battersea auf. Er gilt als Hauptwerk keltischer Kunst in Britannien. Ein Steinpfeiler von Turoe (Galway, Irland) geh√∂rt ebenfalls in die Zeit vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. Seine Form erinnert an etruskische Grab- und Kultpfeiler, seine pflanzliche Reliefierung zeigt sehr sch√∂ne keltische Ornamentik.
 
Dass derartige keltische Spiralornamentik vor allem in Irland bis ins 12. Jahrhundert lebendig blieb, belegen neben Metallarbeiten die Beispiele in der Buchmalerei, etwa das ber√ľhmte ¬ĽBook of Durrow¬ę oder das ¬ĽBook of Kells¬ę.
 
Das um 800 entstandene ¬ĽBook of Kells¬ę enth√§lt eine Sammlung lateinischer Evangelien, die irische Texte begleiten und ist als Meisterwerk irischer Buchmalerei anzusehen. Das √§ltere, 675 angefertigte ¬ĽBook of Durrow¬ę vereinigt Elemente der Buchmalerei mit solchen der Goldschmiedekunst. Beide Werke sind Beispiele daf√ľr, dass in Irland das seit dem 5. Jahrhundert einsetzende Christentum Impulse keltischen Stilempfindens neu belebte. Traditionelles blieb also wirksam, bis hin zu den monumentalen Steinkreuzen. Erst im 12. Jahrhundert beendeten die angels√§chsische Invasion und neue M√∂nchsorden den keltischen Kunsteinfluss, der aber in Literatur und Sprache bis heute fortlebt.
 
Die seit dem 6. Jahrhundert entstandenen Heldensagen haben unsere Vorstellung √ľber den keltischen Volkscharakter und die Denkweise der Kelten stark beeinflusst. Die 1155 in Wales entstandene Sage √ľber K√∂nig Artus fu√üt ebenso auf Keltischem wie die zwischen 1760 und 1763 durch James Macpherson geschaffene Ossiandichtung. Obwohl hier m√ľndlich √ľberlieferte volkst√ľmliche Balladen des schottischen Hochlands mit eigener Dichtung vermischt und f√§lschlich einem blinden Barden Ossian, Sohn des Fingal, aus dem 3. Jahrhundert zugewiesen worden sind, war die Ossianbegeisterung gerade in Deutschland au√üerordentlich gro√ü. Goethe lie√ü seinen Werther im gleichnamigen Werk ganze Passagen aus dem ¬ĽOssian¬ę deklamieren, und heutzutage findet die religi√∂se Welt der Kelten eine Neubelebung im Bereich der Esoterik.
 
Wenngleich hier das verehrte Kultvolk kaum etwas mit den historisch √ľberlieferten Keltenst√§mmen gemeinsam hat, so wirken vor allem Druiden-, Artus- und Irlandzauber nachhaltig zur Erzeugung tieferer, jenseitig bestimmter oder naturbezogener Geschehnisse.
 
Das fällt in Deutschland umso leichter, als hier eher die Germanen zur geschichtlichen Identifikation beitragen, während die Kelten aufgrund ihres historischen Schicksals aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden sind. Ganz im Gegensatz zu Schottland, Irland, Wales und der Bretagne, wo keltische Sprachen heute in dem Maße wieder belebt werden, wie Europa stärker zusammenwächst und die Suche nach regionaler Eigenidentifikation zunimmt.
 
Aber kehren wir nochmals in die Zeit des 2. und 1. Jahrhunderts v. Chr. zur√ľck, aus der historische Nachrichten vorliegen und in der das Schicksal der Kontinentalkelten entschieden wurde.
 
Das Ende des letzten Jahrtausends v. Chr. bildete f√ľr Mitteleuropa in kulturhistorischer und politischer Hinsicht zweifellos eine deutliche Z√§sur. W√§hrend die Welt der Kelten auseinander brach, traten die germanischen V√∂lker erstmals unter dem Namen Germanen in die Geschichte ein, und die r√∂mische Kolonialmacht griff erstmals √ľber die Alpen nach Norden aus. Im ehemaligen Kerngebiet der fr√ľhen Kelten entstand ein Spannungsfeld, das sich auf Kosten vieler Menschen und deren Hab und Gut entlud. Caesar war dabei einer der Hauptakteure im Spiel der M√§chtigen. Er beobachtete gut, besch√∂nigte aber auch oder verschleierte vieles in offiziell r√∂mischem Sinne, sodass die erhaltenen arch√§ologischen Zeugnisse h√§ufig ein viel besseres und genaueres Bild der Wirklichkeit zu liefern verm√∂gen als die schriftlichen Quellen. Die Erschlie√üung neuen arch√§ologischen Quellenmaterials in den letzten Jahrzehnten zeigt, wie komplex die Vorg√§nge in dieser epochalen Umbruchszeit gewesen sein m√ľssen, und l√§sst erahnen, was an Neuem k√ľnftig zu erwarten sein wird.
 
¬†H√∂hepunkt vor dem Ende ‚ÄĒ Die Oppidazivilisation
 
Von dem Zeitpunkt an, da Massalia den r√∂mischen Beistand zur Abwehr keltischer Beutehorden suchte, erschien Rom ‚ÄĒ wie so oft ‚ÄĒ als Retter und blieb als Besatzungsmacht. Die folgende Schaffung der Provinz Gallia Narbonensis von den √∂stlichen Pyren√§en bis zum Westalpenrand und bis hinauf zum Genfer See bedeutete das Ende zahlreicher befestigter einheimischer H√∂hensiedlungen. Ihr mittelmeerisch gepr√§gtes ¬ĽStadtbild¬ę mit geregeltem Bebauungsplan, mit Stra√üen, Speichern und Zisternen, die Keramik und die Verwendung der griechischen Schrift einerseits, die keltische Art der Tracht und Bewaffnung andererseits, m√ľssen im Laufe des 2. Jahrhunderts v. Chr. nachhaltig auf die Anlegung √§hnlicher Siedlungen nordw√§rts davon gewirkt haben. Ihre Gro√ür√§umigkeit, die mittelalterliche Bewehrungen √ľbertraf, und die Art der Wehrmauern veranlassten Caesar, hier von oppida zu sprechen.
 
Diese Siedlungen besa√üen zwar in der Regel nicht die streng organisierte Wohnstruktur ihrer s√ľdlichen Nachbarn, sie hatten aber ebenso wie diese eine politisch-wirtschaftliche Mittelpunktsfunktion innerhalb einer Stammesgemeinschaft inne. Als Sitz der Verwaltung und der Rechtsprechung, als Ort des Stammesheiligtums boten sie Platz f√ľr handwerkliche Betriebe, waren Wohnsitz des Adels und Fluchtburg der umliegenden Bev√∂lkerung. Hier regierten die K√∂nige oder adligen H√§uptlinge, agierten die Druiden und Krieger, arbeiteten privilegierte Handwerker, und es bestand noch gen√ľgend Raum f√ľr b√§uerliche T√§tigkeiten. Zusammen mit dem umliegenden Einzugsgebiet stellten diese Oppida also in sich geschlossene, voll funktionsf√§hige Siedlungseinheiten dar.
 
Aufgrund der gleichartigen Gesellschafts-, Siedlungs- und Wirtschaftsform kann man daher in Europa mit Recht von einer Oppidazivilisation sprechen. Die erhaltenen arch√§ologischen Funde zeigen, dass eine erstaunliche Uniformit√§t der sp√§tkeltischen Produkte quer durch ganz Europa existierte, die f√ľr einen regen zivilisatorischen und kulturellen Austausch von Handels- und Gedankeng√ľtern sprechen.
 
Das zeigt beispielsweise die Art der Befestigung in Gestalt der von Caesar beschriebenen gallischen Mauer, des murus Gallicus. Sie war vor allem im westkeltischen Gebiet √ľblich. Bei ihr wurde ein ausschlie√ülich horizontales Holzrahmenwerk mittels Eisenn√§geln verbunden, mit F√ľllmaterial und Trocken-blendmauer versehen. Das Ganze erhielt auf der Wallinnenseite eine zus√§tzliche Rampensch√ľttung. Im √∂stlichen Oppidabereich √ľberwog die Pfostenschlitzmauer, deren Stirnseite eine Steinfront mit senkrecht stehenden Holzbalken aufwies, die nach Vermoderung Schlitze stehen lie√üen.
 
Einen hohen technischen Stand erkennen wir vor allem beim Schmiedehandwerk, das Ger√§te, Werkzeuge und Waffen in bis dahin unbekannter Vielfalt bereitstellte. So gibt es allein aus dem nur teilweise ausgegrabenen Oppidum von Manching bei Ingolstadt neben eisernen Waffen und Schmuckst√ľcken an die 200 verschiedene eiserne Ger√§tetypen, die ‚ÄĒ wie beispielsweise H√§mmer, Zangen, Feilen, Bohrer, Mei√üel und Scheren ‚ÄĒ bis heute in ihrer Funktion und in ihrem Aussehen unver√§ndert geblieben sind! Einen ebenso hohen Stand wies das sp√§tkeltische T√∂pferhandwerk auf, das neben importierten Weinamphoren, Ton- und Bronzegeschirren durchaus bestehen konnte. Als Spitzenprodukte sind bemalte Gef√§√üe anzusehen. Eine besondere Rolle spielte verschiedenfarbiger Glasschmuck in Form von Armringen und Ringperlen.
 
Einen Beleg f√ľr den gehobenen Zivilisationsgrad der Oppida bilden die als Zahlungs- und Tauschmittel eingesetzten eigenen M√ľnzen, die wohl ab der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. gepr√§gt wurden. Die meisten Pr√§gungen gingen auf griechische und r√∂mische Vorbilder zur√ľck, wobei vor allem griechische Herrscherbilder des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr. beliebte Vorlagen darstellten. Es sind hierbei Motive Philipps II. von Makedonien, Alexanders des Gro√üen, des Lysimachos von Thrakien und des Antigonos II. Gonatas von Makedonien verwendet worden. Andere Vorbilder waren griechische Stadtm√ľnzen, doch gibt es auch viele eigenst√§ndige, schwer deutbare keltische Pr√§gungen. Am Anfang standen goldene M√ľnzen; es folgten im schweizerisch-s√ľddeutschen Raum silberne nach der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. Danach kamen Potin-(Zinn-)und Bronzem√ľnzen an der Wende vom 2. zum 1. Jahrhundert v. Chr. in Umlauf. Die M√ľnzen gingen in keltischer Zeit verloren. H√§ufig werden sie in Hort-, Schatz- bzw. Versteckfunden, zuweilen als Einzelfunde, seltener als Grabbeigaben geborgen.
 
Im Zuge der gallischen Kriege Caesars endete die Bl√ľtezeit der kontinentalen Oppida. Sie waren nicht nur als Reaktion auf das Eindringen der R√∂mer in S√ľdfrankreich entstanden und kontinuierlich gewachsen, sondern sie entwickelten sich auch unter dem Eindruck, den die Kelten infolge ihrer Z√ľge in das Mittelmeergebiet und ihrer dortigen Siedelversuche gewonnen hatten. Der daraufhin einsetzende R√ľckstrom heimkehrender Kelten leitete im Norden eine neue Epoche ein, die zum zivilisatorischen und kulturellen H√∂hepunkt der Oppidazivilisation f√ľhrte. Er barg aber zugleich den Keim des Untergangs in sich.
 
Die Römer trafen also auf durchaus Verwandtes im Zuge ihrer nach Norden gerichteten Okkupationen, und Gallien passte sich relativ rasch der neuen römischen Lebensweise an. Trotz großer Verluste auf beiden Seiten entstand letztlich eine recht fruchtbare, von den Römern geduldete und geförderte Symbiose, die den Gang der nächsten Jahrhunderte maßgeblich beeinflussen und mitbestimmen sollte.
 
Prof. Dr. Hans-Eckart Joachim
 
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Römische Revolution
 
 
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¬†Duval, Paul-Marie: Die Kelten. Aus dem Franz√∂sischen. M√ľnchen 1978.
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Heiligt√ľmer und Opferkulte der Kelten, herausgegeben von Alfred Haffner. Stuttgart 1995.
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Hundert Meisterwerke keltischer Kunst. Schmuck und Kunsthandwerk zwischen Rhein und Mosel, bearbeitet von Rosemarie Cordie-Hackenberg u. a. Mit Beiträgen von Hermann Born u. a. Ausstellungskatalog Rheinisches Landesmuseum, Trier. Trier 1992.
 
Die Kelten in Baden-W√ľrttemberg, herausgegeben von Kurt Bittel u. a. Stuttgart 1981.
 
Die Kelten in Mitteleuropa. Kultur, Kunst, Wirtschaft, bearbeitet von Ludwig Pauli. Ausstellungskatalog Keltenmuseum Hallein, √Ėsterreich. Salzburg 31980.
 
Die Keltenf√ľrsten vom Glauberg. Ein fr√ľhkeltischer F√ľrstengrabh√ľgel am Hang des Glauberges bei Glauburg-Glauberg, Wetteraukreis, mit Beitr√§gen von Fritz Rudolf Herrmann und Otto-Herman Frey. Wiesbaden 1996.
 
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¬†Krausse, Dirk: Das Trink- und Speiseservice aus dem sp√§thallzeitlichen F√ľrstengrab von Eberdingen-Hochdorf (Kreis Ludwigsburg ). Mit Beitr√§gen von Gerhard L√§ngerer. Stuttgart 1996.
 Maier, Bernhard: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. Taschenbuchausgabe. Stuttgart 1994.
 Megaw, Ruth / Megaw, John Vincent: Celtic art. From its beginnings to the Book of Kells. New York 1989. Nachdruck New York 1991.
¬†Spindler, Konrad: Die fr√ľhen Kelten. Stuttgart 21991.
 
Vierrädrige Wagen der Hallstattzeit. Untersuchungen zu Geschichte und Technik, mit Beiträgen von Fritz Eckart Barth u. a. Bonn 1987.

Universal-Lexikon. 2012.

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